Peter Flinsch

       Autobiographie des Künstlers "Peter Flinsch" 

   Ich bin am 22. April 1920 in Leipzig geboren. Mein Vater war Papierfabrikant,
   meine Mutter kam aus einer Familie mit Bank- und Geschäftsleuten.
   Mein Großvater Ulrich Thieme war Begründer des Thieme-Becker-
   Künsler-Lexikons. Ich wuchs in seinem Hause auf. Meine Eltern wurden
   geschieden, meine Mutter zog zurück in ihr elterliches Haus. Mein
   Großvater war inzwischen gestorben. Meine Kindheit war weitgehend
   bestimmt vom Aufwachsen in diesem künstlerischen Hause. Mein Großvater
   hatte eine große Kunstsammlung, italienische Renaissance und holländische
   Bilder, das hat mich als Kind sehr beeindruckt.

   Meine Mutter zog mit mir im Jahre 1930 nach München. Dort ging ich auf
   eine Volksschule, während ich in Leipzig auf eine Privatschule gegangen war.
   Nach einem Jahr in München zog meine Mutter nach Paris und ich
   kam bis 1933 in ein Landschulheim in Garmisch-Partenkirchen. Dann kam
   die Hermann-Lietz-Schule in Schloß Ettersbürg bei Weimar, wo ich
   dreiJahre war. Von 1936 bis 1938 kam ich auf die Oberstufe dieser Schule
   in Schloß Bieberstein bei Fulda. Weil ich ein Einzelkind und unter Jungs
   meines Alters war, war ich sehr gerne auf diesen Schulen. Ich hatte viele
   Freundschaften und war mir auch schon bewußt, daß ich zur Freundschaft
   bestimmt war. 1938 machte ich das Abitur, sogar mit Auszeichnung, obwohl
   ich in einigen Fächern etwas schwächer war, was durch andere ausgewogen
   wurde: Deutsch, Kunst. Geschichte usw.

   Ich hatte mir vorgenommen, gleich nach dem Abitur die Wehrmachtspflicht
   abzudienen. Das waren damals zwei Jahre, anschließend wollte ich Architektur
   studieren. Ich habe zuerst einmal den Arbeitsdienst gemacht, der für
   alle Pflicht war. Meine Mutter hatte sich 1936 wieder verheiratet mit meinem
   Stiefvater, den ich dann später wirklich als meinen Vater kennen- und
   liebengelernt habe: Rudolf Petzoldt. der in der Textilmaschinenfabriken Direk-
   tor war. Wir lebten damals in Chemnitz. Als Freiwilliger kam ich dann in
   Flak-Luftwaffe. zuerst in Leipzig. Im Herbst 1939, ich hatte bereits ein
   Jahr abgedient, kam Hitler mir dazwischen und hat den Krieg begonnen.
   Ich kam sofort zum Einsatz in den Niederlanden und Frankreich, später in
   Dänemark und Norwegen. Weil ich höhere Schulbildung hatte, wurde ich
   1941 als Offiziersanwärter bestimmt. Schon 1941 war ich in der Berliner
   Innentadt stationiert. Wir hatten Geschütze auf der Reichskanzlei, auf der
   IG-Farben Generaldirektion direkt neben dem Reichstag, beim Brandenburger Tor.

   Ich war inzwischen zum Oberwachtmeister befördert worden und sollte im
   Januar 1943 mein Offizierspatent bekommen. Ich war auf dem IF-Farben
   Direktionsgebäude stationiert. In meiner Einheit war ein junger Gefreiter,
   von dem ich glaubte, meine Freundschaft und meine Gefühle würden erwi-
   dert.Wir hatten eine große Weihnachtsfeier, natürlich waren alle besoffen.
   Beim Abschied, als alle wieder auf ihre Stellungen gingen, begleitete ich
   den Gefreiten ein Stück und wir haben uns umarmt und geküßt. Wie ich
   später erfuhr, wurde das von einem Unteroffizier beobachtet, der nicht sehr
   gut auf mich zu sprechen war. Er meldete das sofort, ich wurde einen Tag
   später verhaftet und wegen Vergehens gegen den § 175 angeklagt. Wie man
   weiß,hatten die Nazis den Paragrafen dahin erweitert, daß selbst der Ver-
   such einer Übertretung strafbar war. Es brauchte gar nichts vorgefallen zu
   sein, und das war es auch nicht. Ich wurde vom Gerichtsoffizier unserer
   Einheit, es war nur ein Stellvertreter, nachts verhört, mit den üblichen
   Verhörgeschichten: Lampe ins Gesicht usw. Ich war 22 und natürlich auf
   nichts dieser Art vorbereitet und brach zusammen, wie man literarisch
   sagen kann und unterschrieb ein Geständnis, daß ich homosexuelle Gefühle
   hatte.

   Innerhalb weniger Tage, noch vor dem 30. Dezember 1942, kam ich vor das
   Luftwaffen-Gericht in Berlin, das in der Meinekestraße war. Ich hatte kei-
   nen Rechtsvertreter, gar nichts, ich hatte ja meine Schuld schon zugegeben,
   wurde degradiert und zu drei Monaten Gefängnis verurteilt, um anschlie-
   ßend in eine Strafeinheit, eine Minenräum-Einheit versetzt zu werden. Wäh-
   rend ich auf den Abtransport ins Gefängnis wartete, saß ich im Luftwaffen-
   oder Wehrmachtsgefängnis in Tegel. Meine Mutter durfte mich dort besuchen
   Das war für mich von ungeheuerer Bedeutung. Meine Mutter hat zu
   mir gehalten und gesagt: Du bist mein Sohn, ganz egal, was passiert ist.
   Damit war mir mein Lebenswille wiedergegeben, denn ich hatte ernstlich
   gedacht, ein Ende zu machen.

   Ich kam dann ins Lazarett in Chemnitz. Inzwischen war Deutschland zu-
   sammengebrochen, das Lazarett löste sich auf, wir warfen unsere Papiere
   weg. Uniform und Wehrmachtsbuch habe ich verbrannt. Für mich war es
   sehr einfach, da ich nur nach Hause zu gehen brauchte. Als der Krieg zu
   Ende war, befand ich mich im Hause meiner Eltern. Wir warteten auf den
   Einmarsch der Russen oder Amerikaner. Die Russen kamen schließlich
   nicht als Eroberer, sondern als Besatzer, trotzdem sind die üblichen Sachen
   vorgefallen.

   Sie brachten eine komplette Stadtregierung mit. die sich aus ehemaligen
   Kommunisten der Stadt Chemnitz. die in Rußland Zuflucht gesucht hatten,
   zusammensetzte. Es kam ein Bürgermeister, ein Polizeipräsident und eine
   Propagandaperson in die Verwaltung und forderten alle Bürger auf, am
   Wiederaufbau mitzuhelfen. Unter anderem erging ein Aufruf, alle Künstler
   sollen sich melden. Ich meldete mich sofort bei der Propagandaabteilung,
   die von einer Frau geleitet wurde. Sie war mir sehr sympatisch, sie war eine
   außerordentlich agressive, mittelalterliche Person aus unserem Lager, gar keine
   Frage. Sie setzte mich sofort mit einigen anderen Malern ein. Wir
   mußten 20 Meter hohe Portraits von Stalin. Karl Marx und Lenin malen.
   Unter uns war ein Theatermaler und ein Maler, der für Kinos gearbeitet
   hatte, der in szenischer Malerei ausgebildet war. Von ihm habe ich viel
   gelernt. Im Sommer 1945 wurden diese Banner und Portraits bei Aufmär -
   schen herumgetragen. Den Kommunisten gegenüber machte ich keinen
   Hehl aus meiner militärischen Vergangenheit, als ehemaliger Wehrmachts-
   soldat bestand die Gefahr, als Kriegsgefangener weggeschickt zu werden.
   Aber da ich zum Antifaschisten erklärt wurde, war ich geschützt. Ich bekam
   sogar jede Woche Freßpakete, mit denen ich meine Eltern und die geflohene
   Mutter meines Stiefvaters durchgebracht habe.

   Inzwischen war ein wichtiges Ereignis in meinem Leben eingetreten, ich
   habe mich am 14. Juli 1945 verheiratet mit der Schauspielerin Gabriele
   Hessmann, die am Chemnitzer Stadttheater engagiert war. Ich hatte sie
   schon während der Kriegsjahre kennengelernt. Wir hatten uns außeror-
   dentlich stark angefreundet und beschlossen, nach dem Krieg eine Freund-
   schaftsehe einzugehen. Meine Eltern waren natürlich erstaunt darüber,
   meine Mutter etwas zweifelnd, wie sich später als richtig herausstellen
   sollte.

   Im Gefängnis Torgau, eine Festung, wurden wir nicht gerade glimpflich
   behandelt, stundenlang strafexerzieren, sehr wenig zu essen, Wasser und
   Brot, könnte man sagen. Als die drei Monate vorbei waren, war ich für das
   Lazarett reif.

   Während dieser drei Monate hatte sich meine Mutter in Bewegung gesetzt
   und alles versucht, um den zweiten Teil meines Urteils, die Versetzung in
   Strafeinheit, abzumildern. Sie hatte eine gute Jugendfreundin, die mit
   General Olbricht verheiratet war, der später als einer der Hauptverschwö-
   rer des 20. Juli erschossen wurde. Er hat sich für mich eingesetzt, mein Fall
   wurde wieder aufgerollt. Ich wurde einem Psychiater vorgestellt, der ein
   Gutachten abgab, daß meine Erklärung über das Empfinden homosexueller
   Gefühle auf eine Verwirrung der Gefühle zurückzuführen sei. So wurde
   mein Urteil in Frontbewährung umgewandelt, die Stationierung in einer
   Einheit der kämpfenden Truppe.

   Dort wurde ich wieder einer Flak-Einheit zugewiesen, die zum Schutz von
   Flugplätzen der Jagdstaffeln direkt an der Frontlinie eingesetzt war. Ich
   kam nach Italien, nach Nordafrika, Sizilien, Sardinien, Korsika, später nach
   Polen und Rußland in die Ukraine. Im Winter 1943/44 kam ich mit der
   schweren Malaria ins Lazarett. Wie es sich herausstellte, kam diese Art der
   Malaria alle drei Monate regelmäßig mit starken Anfällen wieder und
   machte mich deshalb für den Rest des Krieges wehruntauglich. Trotzdem
   bin ich immer wieder für ein, zwei Monate ins Lazarett gekommen und dann
   an die Front geschickt worden. Ich bekam Ende März 1945 einen Marsch-
   befehl von Wien in ein Lazarett in Deutschland und wurde mit vielen ande-
   ren Verwundeten in einen Zug gesetzt. Der wurde bei Prag angegriffen und
   zerschossen... Ich muß sagen, ich habe immer Schwein gehabt. Mit einigen
   Kameraden schlug ich mich bis nach Prag durch, wo wir uns beim Bahn-
   hofsoffizier meldeten. Da ich meinen Marschbefehl weggeworfen hatte,
   sagte ich, ich hätte einen Marschbefehl nach Chemnitz gehabt, den ich auch
   bekam und in einen Zug gesetzt wurde. In Dresden wurden wir ausgeladen,
   es war gerade acht Tage nach dem Bombenangriff. Ich schlug mich nach
   Chemnitz durch und fragte den Bahnhofsoffizier, ob ich vor dem Lazarett
   meine Eltern besuchen dürfte. Er fragte, wo die wohnten und als ich sagte,
   in der Parkstraße, sage er, da bräuchte ich nicht hingehen, da stände kein
   Haus mehr. Ich ging trotzdem hin. und, oh Wunder, es war das einzige, was
   noch stand. Es war sieben Uhr früh. ich klopfte an die Tür, meine Mutter
   machte im Schlafrock auf sie fiel in Ohnmacht, als sie mich sah, das war
   ein unvergeßlicher Augenblick.

   Im Herbst 1945 bekam ich meine erste Chance, etwas für die Bühne zu
   entwerfen, zur Wiedereröffnung der Oper wurde Fidelio aufgeführt. Der
   Theatermaler, mit dem ich gearbeitet hatte, verpflichtete mich, die Kostüme
   zu entwerfen. Auch am Dekors habe ich mitgemacht und alle Arbeiten
   ausgeführt, Tischlerei, Malerei und was sonst anfiel. Wir machten das
   Ganze auf Avantgarde: die Soldaten des spanischen Gouverneurs waren auf
   SS herausgemacht, die Aufführung war ein großer Erfolg. Gabriele aller-
   dings wollte nach Berlin gehen, wohin wir im Spätherbst 1945 oben auf
   dem Kohlenwagen fuhren. Dort hatte sie die Chance, für den großen Regis-
   seur Jürgen Fehling zu spielen. Noch 1944. ehe die Theater geschlossen
   wurden, hatte sie ihm vorgesprochen und er versprach ihr, sie zu engagie-
   ren, sobald er wieder ein Theater aufmachen würde. Auf dieses Verspre-
   chen hin sind wir nach Berlin und er nahm sie sofort für die Marthe in
   Faust. Das war ein großer Erfolg. Später hat sie für ihn die Maria Stuart
   gespielt und alles mögliche. 1946/47 wurde sie ans Schiller-Theater enga-
   giert.Ich habe mich in Verbinung gesetzt mit Theatergruppen, es gab viele
   kleine Theater in Berlin, feste Theater waren ja noch nicht wieder herge-
   stellt. Gabriele führte später auch Regie, ich machte mit ihr Der zerbroche-
   ne Krug, Leance und Lena mit ihr im Volkstheater Pankow. Die Zonenwaren
   noch sehr fluktuierend.

   1948 bekam ich von einer Theateragentur ein Angebot als Bühnenbildner in
   Gießen an der Lahn. Das war natürlich ein großer Entschluß, Berlin zu
   verlassen. aber ich sagte mir, das Wichtigste sei die Karriere und ein fester
   Vertrag am Stadttheater Gießen ist ein Sprungbrett. Ich hoffte, später wie-
   der nach Berlin zurückkehren zu können. Gabriele war vollbeschäftigt.
   Unsere Freundschaftsehe hatte sich sowieso etwas gelockert, ziemlich
   gelockert sogar und es war kein großes Drama. Es war selbstverständlich,
   man ging dem Beruf nach. In Gießen wurde alles gemacht, Schauspiel,
   Operette, Oper und Ballett im Austausch mit anderen Theatern. Meine erste
   Inszenierung war Don Carlos, die ich, angeregt von Piscator, auf riesige
   Treppengeschichte machte. Nach der Saison ging ich nach Berlin zurück,
   um zu sehen, daß eine Gemeinschaft mit Gabriele nicht mehr ging. Wir
   haben uns freundschaftlich getrennt, scheiden lassen ohne große Ver-
   pflichtung.

   Ich bekam eine Anstellung bei der Galerie Anja Bremer, als, wie man sagte,
   junger Mann bei Bremer. Dadurch kam ich in Berührung mit dem ganzen
   modernen Kunstleben in Berlin, was außerordentlich anregend und optimi-
   stisch war.

   Während meiner Boheme-Zeit in Berlin lernte ich Heino Heiden kennen und
   lieben und wir blieben für die nächsten zehn Jahre zusammen. Heino war
   erster Solotänzer an der Komischen Oper und auch an der Staatsoper gewe-
   sen. Ich zog mit ihm zusammen in seine hübsche Atelierwohnung in der
   Nassauischen Straße 53. Er bekam 1950/51 ein Engagement in der be-
   rühmt-berüchigten Abraxas-Truppe, die in ganz Deutschland auf Tournee
   ging. Im Ballett von Werner Egk auf der Faustlegende basierend. Ich bekam
   dort eine Anstellung als Inspizient.

   Heino hatte im Sommer 1951 vor, nach Paris zu gehen, um dort zu studieren,
   und ich ging mit. Fast ein Jahr lebten wir ein richtiges Boheme-Leben,
   hatten sogar einen kleinen Hund. Wir haben Paris genossen und alle wich-
   tigen Leute kennengelernt. Ich ernährte mich mit kulturellen und modischen
   Berichten für Berliner Zeitungen und Magazine, Elegante Welt zum Bei-
   spiel. Wir schlugen uns recht und schlecht durch. Aber das ist eigentlich
   nicht Richtig, es war natürlich mehr recht als schlecht, denn wir trafen so
   viele Leute und haben so viele Freunde gefunden. Es war eine großartige
   Zeit. Immer wenn von Charles Aznavour La Boheme a Paris gesungen wird.
   bekomme ich Tränen in die Augen, denn so genau war es.

   Heino tanzte in Frankreich, wo er von Janine Charard engagiert worden
   war,danach ging er ans Gärtnerplatz-Theater nach München als Ballett-
   meister und ich kam mit. Ich bekam keine künstlerische Arbeit in München,
   habe herumgesucht und bekam eine Anstellung bei der Air France, wo ich
   die Schaufenster machte und die Vertretung machte. Da ich fließend Fran-
   zösisch sprach, war das sehr gut.

   Anfang 1952 bekam Heino ein Angebot aus Kanada, aus Vancouver, dort
   eine Ballettschule zu übernehmen und zu unterrichten. Dies kam durch
   unsere gemeinsame gute Freundin, Igna Beth, eine geborene Berlinerin, die
   als junges jüdisches Mädchen von ihren Eltern aus Berlin weggeschickt
   worden war, die Eltern sind dann umgekommen. Sie kam nach London,
   machte dort eine Ausbildung in der Filmbranche und kam in den späten
   40er Jahren nach Berlin zurück, wo sie bei der Defa gearbeitet hat. In
   Berlin waren wir eine Menage-ä-trois gewesen. Igna war nach Vancouver
   ausgewandert. Als sehr enthusiastische Person sagte sie, Heino müsse
   dorthin kommen, er würde eine tolle Karriere machen, da man dort nichts
   von Ballett wissen würde. Wir sagten uns, warum nicht. Aber beide wollten
   wir nicht gleich gehen, weshalb zuerst Heino für ein Jahr hinfuhr. Igna
   managte einen handfesten Vertrag dort mit der führenden Ballettschule. Er
   rief gleich seine eigene kleine Compagnie ins Leben. Im Spätherbst 1953
   bin ich nachgefolgt, wo wir den Winter zusammen verbrachten. Er hatte
   einen großen Erfolg und wurde an das kanadische Ballettfestival eingela-
   den, das im März 1954 in Toronto stattfand. Daraufhin wurde er mit seiner
   Truppe von einem Television-Producer und bekannten Komponisten
   nach Montreal eingeladen, um dort fürs Fernsehen Ballett zu machen. Wir
   zogen nach Montreal und ich bekam sofort eine feste Anstellung als Büh-
   nenbildner beim Fernsehen, das in den Kinderschuhen steckte und gerade
   zwei Jahre alt war. Damit waren wir in Montreal gesettled.

   Ich lebte mich sehr bald, rasch und gut ein in Montreal, Sprachschwierigkeiten
   hatte ich keine, ich sprach ja auch fließend Englisch. Ich bekam sehr
   gute Programme zu machen. Für Heino dagegen wurde es etwas monoton,
   insofern als nach den sehr optimistischen Anfangsjahren beim Fernsehen
   große klassische Sachen immer seltener wurden. Immer mehr wurde Tanz
   für Unterhaltungssendungen und Revuen gebraucht. In diesen Dingen war
   er zwar auch glänzend, aber es interessierte ihn überhaupt nicht, denn er
   stand ja ganz in der Tradition des europäischen Balletts. Er nahm wieder
   Verbindung auf mit Deutschland durch eine Agentur und bekam ein Ange-
   bot als Choreograf und Ballettmeister für die Vereinten Theater Mann-
   heim/Ludwigshafen. Nach langem hin und her hat er angenommen, denn
   hier war er frustriert. Immer nur Tänzchen für Revue machen, war nicht
   sein Fall, obwohl das finanziell sehr gut war. Er nahm das Angebot an und
   hat dort gleich sehr interessante Sachen gemacht, hat mit Hindemith gear-
   beitet, eine Uraufführung von ihm choreografiert und war sehr glücklich.
   Ich blieb hier in Kanada und unsere Freundschaft lebte sich auseinander
   aufgrund der geografischen Situation. Der Beruf geht halt immer vor.
   Heino fand ständigen Anschluß in Mannheim/Ludwigshafen und ich habe
   hier frei gelebt und lebe noch frei und fand, daß meine Lebensform die ist,
   auf mich selber angewiesen zu sein. Sobald ich alleine lebte, habe ich an-
   gefangen, zu malen, zu zeichnen und Bildhauerarbeiten zu machen, was zur
   Hauptarbeit wurde. Ich fing an, nach Ausstellungen zu suchen, die ich auch
   bekam und war dadurch sehr ausgefüllt.

   Was meine eigene weitere künstlerische Arbeit Ende der 50er, Anfang der
   60er und in den 70er Jahren betrifft, war ich sehr glücklich, denn ich
   brauchte ja nicht bei jedem Bild und jeder Figur zu fragen, kann ich das
   verkaufen? Durch meine Arbeit für das Fernsehen war ich unabhängig und
   Herr meiner Zeit, da ich manchmal wochenlang nichts zu tun hatte, an
   anderen Wochen wieder Tag- und Nachtarbeit. Ich konnte also machen,
   was ich wollte und liebte, ohne Überlegungen, wie kann ich das an den
   Mann bringen. Da ich vom Mann spreche... Mein Thema war natürlich der
   Mann der männliche Körper in Bewegung. Durch meine Verbindung zur
   Tanzwelt bin ich natürlich sehr oft in Ballettsäle gegangen und habe bei
   Tanzproben gezeichnet. Dadurch wurde ich eigentlich ganz bekannt. 1972
   habe ich in New York bei Leslie-Lohman ausgestellt, die eine Galerie in
   Soho hatten, damals wirklich Avantgarde. So gingen die Jahre dahin und
   ich glaube, nach Jahren meiner künstlerischen Arbeit habe ich einiges zu sagen.

   Meine Verbindung mit Deutschland ist natürlich nie abgerissen, mindestens
   alle zwei Jahre habe ich Heino besucht, er ging ja später nach LübecK/Kiel
   und siedelte sich in Bad Schwartau an. Wir sind die besten aller Freunde.
   Ich habe auch angefangen, in Deutschland auszustellen, in der Hochhut-
   Galerie in Hamburg. In den 70er und 80er Jahren haben wir Happening-
   Ausstellungen gemacht, Modell bei der Vernissage usw. Dann habe ich bei
   Janssen in Berlin ausgestellt und ich bin beim Thema geblieben. Daneben
   gibt es auch fantastische Landschaften von mir - ich bin nicht festgelegt.

   Wir kommen zum Jahre 1985, ich bin 65 Jahre alt. Durch das Gesetz in
   Kanada und als Angestellter des staatlichen Fernsehens bekam ich meine
   Pension verpaßt, die im richtigen Moment kam, denn ich hatte genug von
   von der Abeit im Show-Business. Von nun an lebte ich als freier, unabhängiger
   Künstler und genieße es. daß ich mich konsequent einer Sache in meiner
   Arbeit widmen kann. Ich zeichne jeden Tag, was mir große Freude macht,
   da es so unmittelbar ist. Früher habe ich sehr viel mit Modell gearbeitet,
   jetzt nicht mehr, da ich alles in meinem inneren Programm aufgespeichert
   habe.

 Peter Flinsch starb am Morgen des 30. März 2010 in seinem 90. Jahr.

 

     Meine Flinsch-Sammlung


 

Links: Ich - Ganz Rechts: Mein Mann - 2.von Rechts: Peter Flinsch

 

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